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From: Hagen Wiest <xp-10@gmx.net>
Subject: Damit ihr alle mal bescheid wisst - Die Geheimnisse der Maenner-WG
Newsgroups: de.alt.wg-geschichten
Message-ID: <19990825.19243430@wh4-331.st.uni-magdeburg.de>
Die Geheimnisse der Männer- WG
Nach der Geburt muß der Mann noch genau zweimal in seinem
Leben einen wärmenden, schützenden Schoß verlassen. Das
erstemal, wenn er sein Kinderzimmer räumt. Das zweitemal, wenn
er seine kuschelig-miefige Junggesellen-WG verläßt, um mit einer
Frau zusammenzuleben. Für viele Männer ist dieser Schritt das
wahre Geburtstrauma. Denn die Männer-WG ist ein friedlicher,
idyllischer Ort, eine arkadische Landschaft aus verstreuten
Tennissocken, Bundesliga-Stecktabellen, getrockneten
Zimmerpalmen und Sophie-Marceau-Plakaten. Der Schock ist
groß, wenn wir aus diesem Paradies vertrieben werden.
Vielleicht läßt sich die Männer-WG am besten anhand ihres
spirituellen Mittelpunktes erklären. Es ist der Bierkasten. Oder,
richtiger: Die Kasten Bier. Ganz egal, ob aus diesem getrunken
wird, oder nicht - es geht immer darum, "einen Kasten Bier im
Haus zu haben". Dieser Kasten Bier ist der augenfällige Beweis
einer grundehrlichen, geradezu bauarbeiterhaften
Bodenständigkeit, die wir uns trotz unserer lahmen
Schlipsträger-Jobs bewahrt haben. Ein Mann braucht einen
Bierkasten, um einem anderen Mann seine Zuneigung
auszudrücken: "Komm doch mal vorbei, wir haben auch `n Kasten
Bier im Haus."
Der Kasten dient außerdem als Legitimation aller möglichen
Aktivitäten, die ohne ihn ziellos, ja läppisch erscheinen würden:
"Dann trommeln wir ein paar Leute zusammen, schnappen uns
einen Ball, gehen in den Park, und wir bringen einen Kasten Bier
mit." Zum Kasten Bier gehören in der Männer-WG zahlreiche
Rituale, etwa das, keinen Flaschenöffner zu haben, um die
Flasche wortlos mittels Feuerzeug, Rohrzange, Tischkante oder
am Kasten selbst zu öffnen - wobei die letzte Variante sicher die
schönste ist, der Kasten Bier als vollkommenes geschlossenes
System. Kein Wunder übrigens, daß man Männer, die lange in
Männer-WGs gelebt haben, oft an einer kronkorkenförmigen
Narbe unter der Fußsohle erkennt.
Mit dem Kasten Bier, dessen Bedeutung gar nicht zu
überschätzen ist, hängt ein anderes Männer-WG-typisches
Phänomen zusammen. Was den Protestanten ihr Kirchentag, den
Ravern ihre Love-Parade, den Telekom-Aktionären ihre
Hauptversammlung, das sind den in WGs organisierten Männern
die internationalen Fußballturniere EM und WM: ein großes
sinnstiftendes Gemeinschaftserlebnis. Allein das Bewußtsein,
daß es sich zur selben Zeit Millionen andere genauso mit
Erdnußflips und einem Kasten Bier vor dem Fernseher gemütlich
gemacht haben, schafft jenes quasi-erotische
Zusammengehörigkeitsgefühl, das man sonst nur durch
Einnahme von Ecstasy oder die Ausschüttung einer schönen
Dividende erreicht.
Fast so wichtig wie der Kasten Bier ist der blaue Müllsack. Er
reduziert nicht nur die Gänge zum Container auf einen pro Monat,
er garantiert auch, daß der Kontakt zu den Eltern nicht völlig
abreißt: Etwa alle sechs bis acht Wochen schleppen WG-Männer
ihre Schmutzwäsche in dem von innen feucht beschlagenen
blauen Müllsack zu Mama. Denn die Männer-WG hat keine
Waschmaschine oder benutzt sie nicht. Das hat nichts mit
Faulheit zu tun, ebensowenig wie die diversen Sedimentschichten
Schmutzgeschirr. Vielmehr kommt es in Männer-WGs zu einer
physikalischen Anomalie von kosmischen Ausmaßen: Das
Gesetz, daß Energie nicht verloren gehen kann, wird in jeder
Männer-WG tagein, tagaus aufs neue widerlegt. Energie wird hier
spurlos abgesaugt, bis selbst der größte Ehrgeizling seine
Aktivitäten darauf beschränkt, eine Kuhle in die Fernsehcouch zu
sitzen und ab und zu "machen wir morgen" und "bloß keinen
Streß" zu nuscheln. Wenn überhaupt,
denn nach jahrelangem Zusammenwohnen beschränkt sich die
verbale Kommunikation in der Männer-WG zumeist auf
verschiedene Intonationen des Koseworts "Alter". "Alter" ohne
Betonung bedeutet: "Hallo, wie geht's, wie war dein Tag?"
"Alteeer", gedehnt: Ausdruck großer Begeisterung und
Anerkennung, etwa wenn ein Mitglied der WG Pizza geholt hat.
"Alter!", nachdrücklich: Du stehst im Bild.
Man merkt schon, in der Männer-WG herrschen vorzivilisatorische
Zustände. Viele dort praktizierten Verhaltensweisen sind nur als
tiefverwurzelter Aberglaube zu erklären: Nie den Klosettdeckel
runterklappen, das bringt Unglück! Die hinteren Regionen des
Kühlschranks sind geschützter Lebensraum für mutierte
Nahrungsmittel und für Menschen tabu!
Comic-Lektüre erleichtert den Stuhlgang! Das heikle Thema
Toilettenlektüre hat in diesem Zusammenhang besondere
Beweiskraft: Wir Männer wollen es uns überall so gemütlich wie
möglich machen. Wir werden von einem Nesttrieb gesteuert, wie
er in der Tierwelt kein zweites Mal vorkommt. Wir haben den
Schrebergarten, die Eckkneipe und die Business-Class erfunden,
damit wir es überall schön heimelig haben: in der "Kolonie kleine
Zuflucht", in "Lothi's Präpelstübchen", in der "Executive-Lounge".
Und eben in der Männer-WG.
Aus diesem Biotop werden wir jäh herausgerissen, wenn wir zum
ersten Mal in unserem Leben mit einer Frau zusammenziehen.
Als unsere Männer-WG von der Faust der heterosexuellen
Anziehung zerschmettert wurde, ereilte alle meine Freunde
dasselbe Schicksal: Frauen, die in das Zusammenleben uns
vorher völlig unbekannte Komponenten hereinbrachten. Vor allem
kalte, schneidende Vernunft: "Wieso einen ganzen Kasten? Das
trinken wir doch nie!" Früher kauften wir Lebensmittel stückweise
im Spätkauf der Tankstelle, jetzt bekommen wir Einkaufszettel an
die Hand, die in der Reihenfolge der Warenregale im
Verbrauchermarkt geordnet sind. Vorbei ist es auch mit der
geradezu Biolekschen Harmoniesucht, die wir aus der
Männer-WG gewöhnt waren. Zum ersten Mal stellen wir fest, daß
man Probleme auch anders lösen kann, als sie vorm Fernseher
oder auf dem Klo auszusitzen. Wir lernen, daß es außerhalb der
Männer-WG nicht zur Versöhnung reicht, dem anderen ein
blutiges Steak zu braten.
Am gravierendsten aber ist das Ende der Gemütlichkeit. In der
Männer-WG kamen Kumpels vorbei ("Habt ihr `n Kasten Bier
da?"), heute haben wir Gäste. Wir werden plötzlich gezwungen,
uns Gedanken zu machen über Tischdecken, Menüabfolgen und
Gesprächsstoff, wo früher die Pizza aus dem Karton alle drei
Probleme auf einmal löste ("Mann, ist die Pizza heute wieder
schmierig." - "Kannste laut sagen." - "MANN; IST DIE PIZZA...", usw.).
Während der Mikrokosmus Männer-WG sich selbst genug ist,
geraten wir nun ständig mit der Außenwelt in Berührung: mit
Theatern, Museen, Einrichtungshäusern und mit den
Müllcontainern hinten auf dem Hof. Erst im Zusammenleben mit
einer Frau werden wir langsam zu funktionstüchtigen Mitgliedern
der sozialen Gemeinschaft. Aber diese Evolution vom
Höhlenbewohner zum Homo lebensgefaehrtiensis ist ein
schmerzhafter Prozeß, der uns viele Opfer abverlangt: Zum
Beispiel Kurts Hemden-Trick, der einem das Bügeln ersparte: ein
ungebügeltes Hemd einen Tag lang unter einem Pullover
anziehen, so daß es am nächsten Tag nicht mehr ungebügelt
aussieht, sondern so, als sei es gebügelt worden und dann am
Körper zerknittert. Nun kann man das Hemd noch zwei Tage ohne
Pullover anziehen! Wir haben ihn dafür bewundert, Beate hat ihm
nahegelegt, einen Bügelkurs zu belegen. Frank pflegte seinen
Sessel so vor den Fernseher zu schieben, daß er den Fuß
bequem auf den Fernsehtisch auflegen konnte, um mit der
nackten Zehe die Programme zu wechseln und die Lautstärke zu
regeln. Eine schöne, körperliche Form von Interaktivität, eine
symbiotische Einheit von Mensch und Medium, die langen
Fernsehabenden eine geradezu metaphysische Qualität verlieh.
Karla hat einfach neue Batterien für die Fernbedienung gekauft,
nachdem sie zusammengezogen sind.
Vorbei die Zeiten, da wir uns mit dem heißen Eierwasser einen
zeit- und energiesparenden Beuteltee aufgossen. Noch schwerer
aber fällt es uns, Nudeln plötzlich ohne Hilfe der Küchendecke zu
kochen. In unserer Männer-WG hatten wir nämlich einen genialen
Trick entwickelt, auf den man in Christiane Herzogs Kochstudio
lange warten kann: Um festzustellen, wann Spaghetti fertig sind,
nimmt man ein paar aus dem Topf und schleudert sie an die
Decke. Fallen sie wieder herunter, so sind sie noch zu hart.
Bleiben sie kleben, sind sie genau richtig.
Schade eigentlich....
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