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From: Michael Simon <mi.si@gmx.net>
Newsgroups: at.internet.provider
Subject: Re: Aenderung des Netz-Nutzungsvehalten.
Message-ID: <igbj4so7kv54cjv9ust114phe675lssngh@4ax.com>
Date: Sun, 05 Dec 1999 00:09:28 GMT
On Sat, 04 Dec 1999 21:40:43 +0100, Bernhard Mecl <bernhardm@gmx.at>
wrote (eventuell gekuerzt):
>Mich würde interessieren, ob jemand von Euch seit der Nutzung eines
>Zugangsmodell ohne laufende Verbindungskosten (im speziellen A-Online
>Complete) eine Änderung des persönlichen Surfverhaltens bemerkt.
Eine interessante Frage.
Eine Untersuchung in Deutschland, die noch nicht abgeschlossen und
veröffentlicht ist, läßt erkennen, daß das Downloadvolumen von Usern,
die auf (unlimitiertes) Broadband-Internet umsteigen, in den ersten
Wochen extrem hoch ist, um dann langsam abzuflachen und sich nach
spätestens zwei bis drei Monaten auf ein stabiles, leicht ansteigendes
Maß, das zunächst gar nicht so hoch ist, einzupendeln.
Meine persönlichen Erfahrungen (2 Monate Cable Modem) bestätigen das.
Am Anfang bist Du fasziniert, daß Dir ohne weitere laufende Gebühren
eine nie erlebte Geschwindigkeit rund um die Uhr stabil zur Verfügung
steht. Der Streß mit den teuren Verbindungsproblemen fällt mit einem
Schlag weg. Dafür kommt ein neuer hinzu: Du probierst hektisch alles
aus, was Dir bisher aus Kostengründen vorenthalten war. Jede Menge
exotische Browser-PlugIns werden installiert und in Betrieb genommen;
na bitte, jetzt flasht's richtig! Internet-Radio und -Fernsehen werden
entdeckt. Der Anschluß an den Stand der Informationstechnik
amerikanischen Standards wird hergestellt. Viel zu lernen. Mega-Bytes
haben plötzlich kein Gewicht mehr. Es wird klar: Die schwierige Suche
nach Qualität beginnt jetzt erst richtig.
Und was es alles downzuloaden und zu installieren gibt! Fantastische
Dinge! Immer mehr, noch mehr, noch viel mehr... Lechz!
Nach etwa einer Woche gibt es bei den meisten eine Aus-Zeit von einem
Tag, weil sie sich genötigt sehen, ihr PC-System neu aufzusetzen, da
durch die neu entdeckten Möglichkeiten jetzt alles anders oder besser
organisiert werden muß. Die "Temporary Internet Files"-, "Downloads"-
und Agents "Data/Temp"-Ordner bekommen eigene Partitionen. Die
CD-Brennerei wird auf UDF und automatische BackUps aufgerüstet. Ja,
auch die Sicherheit ist gefährdeter als vorher. Firewalls werden
installiert. Mehr Files sind im Umlauf. Neue, größere Festplatten
werden eingebaut. Dauernd neue Töne.
Nach ein paar Wochen so gut wie permanent dröhnender Internet-Show
kommt dann plötzlich eine Phase der Ernüchterung. Du merkst (lange
nach Deinen Lebenspartnern), daß Du nur mehr vor der Kiste sitzt, die
ZiB hat keine Chance mehr, daß sie Deine hundertprozentige
Aufmerksamkeit gewinnt; Gottschalk, selbst die wichtigsten
Sport-Übertragungen laufen nur nebenbei. Familie? Sport betreiben?
Regelmäßig schlafen? Hast Du überhaupt ein Leben?
Während ich durch den Meinl flitze und schon hinten bei der Milch den
Filialleiter auffordere, für mich gefälligst eine Extra-Kassa
aufzumachen - "Ich bin in einer Minute dort!" -, stoße ich heftig mit
einem Broadband-Bekannten zusammen, der es auch eilig hat: "Wenn ich
in fünf Minuten nicht wieder oben bin, gehen mir wichtige Fills für
Unreal verloren, servus, mehl mich!" Früher gingen wir gerne ein
paarmal im Monat etwas unternehmen. Wenn ich in drei Minuten nicht
wieder am Bildschirm sitze, verpasse ich bei der Online-Auktion
lebenswichtige Möglichkeiten.
AUS. Sie können den Computer jetzt abschalten.
Wirklich? Lange nicht gesehen. Tatsächlich! Es geht! Er ist aus! Ich
bin offline. Ich kann aber nicht mehr aufstehen. Es schmerzt. Ich
suche mein Auto.
Ein paar Tage im tiefen Wald ohne Mobiltelefon, eMail und Usenet
klären die Dinge. Lerne wieder gehen. Beste Vorsätze für das nächste
Jahrtausend.
Zurückgekehrt gießt Du die Blumen, streichelst die Katze, schickst die
Putzkraft nach Hause, staubst selbst Saug und schielst dabei immer
verstohlen auf den abgeschalteten Monitor. Wohnung und Schreibtisch
werden verlegenheitshalber aufgeräumt. Hast Du nicht früher gerne
gekocht? Sogar die Ex-Schwiegermutter wird eingeladen und ganz
freundlich behandelt. So, so. Danielle Spera hat eine neue Stützwelle.
Frische Tote und herrliche Katastrophen. Juheii! Sie springen wieder
von den Schanzen. Irgendwie immer dasselbe. Wie habe ich es nur früher
so lange vor dem Fernseher ausgehalten? Sogar die Kinder sehen dabei
ganz normal aus. Langsam werde ich nervös.
Es reicht. Nur eine halbe Stunde...
Aha. Zweihundert ungelesene - geschweige denn beantwortete - eMails im
Postkasten. Zweitausend neue Artikel in den abonnierten Newsgroups.
Eigentlich wollte ich ein paar neue Programme ausprobieren. Eine
Stunde, nicht länger...
Zunächst brauche ich einen eigenen PC, der nur online ist und sonst
nix, dazu einen Linux-Firewall-PC... Mein neues Mobiltelefon hat
jedenfalls für alle Fälle schon mal ein eingebautes Hardware-Modem.
Was noch fehlt, ist ein bequemerer Sessel am Schreibtisch.
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